Blickwinkel

...  vom Leben mit Hunden

Ich möchte Euch hier im Ansatz meinen Blickwinkel zur Hundehaltung und zum Leben mit Hunden darstellen - zum Verständnis für meine Art und Weise im Umgang mit Hunden und damit auch im Training.
Für mich ist "mit Hunden leben" zunächst eine grundsätzliche Lebenshaltung. Ich habe nicht Hunde, ich lebe mit ihnen, wir teilen unser Leben miteinander - ohne sie würde ich ohne Zweifel leben können, aber es ginge mir viel Qualität verloren, sie geben mir viel Kraft und Ruhe und damit viel Energie für den Alltag.
Das Mindeste was ich für sie tun kann ist, es ihnen gleich zu tun, sie zu respektieren in ihren Eigenarten, ihrem Wesen und ihren Bedürfnissen, sie fair zu behandeln und sie nicht für was auch immer zu mißbrauchen, auch nicht für irgendwelche Erfolge. Man kann wohl erkennen, das ich kein Fan bin von Wettbewerben und Pokalen, von Starkzwang, Strafe und sinnloser Gewalt, somit werden Sie dies auch nicht in meinem Training finden.

Nun also zu einigen Hintergründen, die es lohnt sich klar und bewußt zu machen bevor man anfängt mit einer Fellnase zu leben und zu arbeiten - zum einen weil sie einen wie ein roter Faden begleiten werden und zum anderen, weil sie in Vielem auch den Druck nehmen. Auch in der Hundeerziehung unterliegen wir oftmals einem Leistungsdruck durch gesellschaftliche Ansprüche, die eigenen Ansprüche, durch Gruppendynamik und auch durch falsche Erwartungen und Klischeevorstellungen.

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Rahmen geben Sicherheit - vom Verständnis zur Bindung

Zunächst einmal ist es wichtig, dass man sich klar macht in welchem Rahmen man sich selbst bewegen kann und welchen Rahmen man dem Hund geben kann. Dieser Rahmen ist vor allem abhängig von den eigenen Lebensumständen, dem Alltag, den eigenen Bedürfnissen und nicht zuletzt den Bedürfnissen des Hundes.
So kann es sinnvoll sein gewisse Regeln zu verankern wie z.B. möglichst viele immer wiederkehrende, gleichbleibende Routine im Alltag. Routine und damit eben auch Regeln geben Sicherheit, weil sie lehren sich bei bestimmten Situationen und Aktionen auf ebenso bestimmte Reaktionen verlassen zu können. Insbesondere bei unsicheren oder ängstlichen Hunden kann dies entscheidend sein, um nur ein Beispiel für einen Rahmen zu geben.
Regeln sollten aber Sinn machen und nicht nur um der Einhaltung von Regeln willen aufgestellt werden und sie bedeuten vor allem nicht nur Regeln für den Hund, sondern vor allem auch Regeln für sich selbst mit ihm umzugehen, sich auf sein Wesen und seine Sprache einzulassen, sein Wesen zu verstehen und seine Bedürfnisse zu berückstichtigen.
Hunde können uns zwar sehr gut lesen, aber sie können unsere Sprache nicht umsetzen, also müssen wir lernen unsere Hunde in ihrer Sprache zu verstehen.

Beispiele für falsches Verständnis:

Oft neigt man wohl dazu, überhaupt und erst recht bei Fellnasen, die schon viel Schlechtes erlebt haben und einen schlechten Start hatten,

  • es besonders gut zu meinen, weil wir dem Hund Besseres geben möchten, mehr Liebe, mehr Verständnis -> und läuft Gefahr den Hund zu stark zu vermenschlichen, statt sich zunächst bewußt zu machen welche Bedürfnisse das Wesen Hund ausmachen und projizieren dabei oft unsere Vorstellung von "gut" auf den Hund
  • nicht ganz so konsequent zu sein -> und sind damit für den Hund oft unklar und verwirren ihn damit, statt Sicherheit und Zuverlässigkeit auszustrahlen
  • weil manches ja auch echt putzig und witzig ist und der Ernst des Lebens noch früh genug beginnt -> darüber zu vergessen, das aus putzig und witzig schnell eine erlernte Unart wird, die später zu Problemem führen kann, statt frühzeitig die richtigen Weichen für gute Sozialisation und positive Lebenserfahrungen zu stellen und ihm das Rüstzeug mitzugeben auch tolerant gegenüber unserer Umwelt zu sein
  • weil es scheinbar irgendwie in der Natur des Menschen liegt, auch ich spreche mich davon keineswegs frei -> unerwünschtes Verhalten vorrangig zu sanktionieren, statt erwünschtes Verhalten zu bestärken, es scheint uns leichter zu fallen, die Initiative zu ergreifen etwas zu unterbinden, statt etwas aufzubauen und zu fördern, es ist scheinbar leichter zu fordern als zu unterstützen, dabei übersehen wir leider oft die Vielfalt an Lohnenswertem, das uns unsere Hunde anbieten und haben den Fokus eher schnell auf den Unarten

etc.

Wie wir sehen sind all diese Dinge auch gut und richtig, solange sie das Wesen des Hundes berücksichtigen. Sie sind also bedingt gut und richtig, nur müssen wir schauen:
Sind es denn für unsere Hunde dieselben Dinge mit denen sie sich gut und besser fühlen, wie die Dinge, die uns gut tun?!

Hunde lieben "Regeln" oder besser Orientierungspunkte, Hunde lieben es wenn sie wissen womit sie rechnen können, wenn Dinge einschätzbar und berechenbar sind. Einschätzbar meint dabei aber nicht die Durchsetzung der einzelnen Situation, sondern es geht darüber hinaus um eine gewisse Haltung zur Sache, um Fairness und Kompetenz. Berechenbar also insofern, dass der Hund sich sicher sein kann sich auf uns verlassen zu können, das wir gerecht und fair sind, angemessen reagieren und die Dinge regeln.
So entsteht Vertrauen, da jeder weiß womit er zu rechnen hat und das dies seinem Wohl dient. Bindung entsteht über Vertrauen und erst in zweiter Linie können Erziehung, Grundgehorsam und Konditionierung dabei dienlich sein, wenn sie der Gemeinsamkeit gewidmet sind und nicht einem Gehorchen um des Gehorchens Willen.
Unsere Schwächen finden Hunde dabei sehr schnell von selbst heraus, auch dies sollten wir uns bewußt machen und sie durch bewußte Arbeit vor allem an uns selbst ersetzen.

Dies strebe ich als Grundeinstellung zunächst für mich und meine Hunde an und man ist damit auf einem guten Weg zu einer harmonischen Mensch-Hund-Beziehung, der nichts zu tun hat mit übermäßiger Strenge, Gewalt, Kadavergehorsam und dergleichen, sondern mit Führungskompetenz und dem Ausgleich zwischen Bedürfnissen und Grenzen.

Manchmal ist weniger mehr

Heute sind die Anforderungen daran wie Hunde sein sollen so hoch (vor allem auch gesellschaftlich), das sie soviel können müssen, soviele Erwartungen und auch Bedürfnisse erfüllen sollen, das man sich eigentlich wundern muß, wie sie das überhaupt noch so gut umsetzen. Auch wenn immer mehr Stimmen laut werden es gäbe immer mehr verkorkste Hunde, so muß man sich auch die Verhältnismäßigkeiten anschaun. Bevölkerungsdichte, und damit Haltungsdichte sowie die Ansprüche, die sich aus dem Zusammenleben auf immer enger werdendem Lebensraum ergeben sind heute ganz anders als noch vor 20 Jahren. So müssen wir umdenken und unsere Hunde besser rüsten.


Bei all ihrer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit kann dann so eine kleine Fellnase auch schnell mal überfordert werden – denn diese ganze Hektik, die unser heutiges Leben so mit sich bringt und der wir als Menschen ja auch schon zunehmend nicht mehr gewachsen sind widerspricht eigentlich komplett ihrer Natur, ihrem Gemüt und ihren Bedürfnissen.

Wenn hier nicht, besonders auch schon beim Welpen, darauf Rücksicht genommen wird, das ein Hund so nicht auf die Welt kommt und all diese im artfremden Umstände und Gewohnheiten erst lernen muß, dann geht das oft in eine Richtung in die man nicht möchte ohne dies zuvor absehen zu können. Das gilt ebenso für jeden Hund jeden Alters, wenn er in neue Verhältnisse kommt oder man etwas grundlegend ändern möchte.

Immer fängt man an einem Punkt an wo man erstmal alles bisher Gewesene gedanklich auf Null setzt, auf Anfang zurückspult - in manchen Bereichen mehr in anderen weniger. Z.B. beginnt man ein Training zur Stubenreinheit bei einem bereits erwachsenen Hund, der dies bislang nicht gelernt hat oder lernen konnte (auf Grund z.B. äußerer Umstände) genauso wie man es mit einem Welpen tun würde.

Sicherlich ist es mit einem Welpen in gewisser Weise einfacher, da er schneller lernt, er lernt aber auch schneller das Falsche und manche Vorerfahrungen können so prägnant sein, das man sie nicht mehr auslöschen kann, wohl aber meist dennoch ganz gut unter Kontrolle bekommt, oft aber auch nicht nach typischen Standard-Vorgehensweisen.

Im Einzelfall ist es auch mal so, das man sich mit gewissen Defiziten wird abfinden müssen und nur versuchen kann ein den Umständen angemessenes Optimum zu erreichen, es sei denn man erzwingt es - wobei dann natürlich die Frage ist wem das letzlich dient und ob es den Preis des Vertrauens wert ist. Hier gibt es aber auch ganz klar Grenzen wenn es um ernste Verletzungsgefahr geht. Nur wird oft viel zu vorschnell abgeurteilt oder viel zu spät erkannt oder sogar verkannt wo die wirklichen Ursachen liegen, statt dessen an Symptomen herumgedoktert, wenn man die Dinge noch hätte regeln können.

Die gut gemeinte Auslastung durch den Hundehalter

Der Anspruch Hunde auslasten zu müssen, denn man möchte für die geliebte Fellnase ja eigentlich nur das Beste, ist mittlerweile zwar oft wohl gemeint aber genauso oft über´s Ziel hinaus geschossen.

Ja, Hunde brauchen Auslastung, artgerecht, körperlich und geistig, aber sie brauchen auch Ruhe und Ausgeglichenheit. Gerade z.B bei einem ängstlichen Hund ist es ganz wichtig alles mit viel Ruhe und Geduld anzugehen und nicht zu ehrgeizig zu sein. Es geht nicht darum ein gewisses Ziel möglichst schnell zu erreichen, sondern darum unterm Strich immer ein kleines Stück weiter in die richtige Richtung zu kommen, dann ist alles wunderbar.

Viele Hunde sind heutzutage soviel Stress ausgesetzt

  • weil sie alles kennenlernen müssen
  • überall mit hin müssen
  • ausgelastet werden müssen
  • dies nicht dürfen, jenes sollen,

das ihnen kaum Luft und Zeit bleibt das Neue erstmal zu verarbeiten.
Diese Dinge sind auch richtig und wichtig, aber bitte nicht alles auf einmal.

Pausen sind entscheidend für den Lernerfolg

Die eigentliche Festigung, der gerade jedoch neu gemachten Lernerfahrung, findet in anschließenden Passiv-Phasen statt und sollte daher auch immer mit einem positiven Erlebnis abschließen. Wenn etwas nicht geklappt hat, dann sollte man das mal für den Moment sein lassen und nichts erzwingen, macht dann zum Abschluss etwas wovon man weiß, das es dem Hund Spaß macht, er garantiert Erfolg haben wird und macht dann Pause.

Der Weg sollte das Ziel sein - das Zusammenwachsen mit dem Hund, das gemeinsame Vorankommen - das Lernen und miteinander Umgehen und sich dabei immer besser kennenlernen. Das ist doch super spannend,  etwas das man genießen sollte -  sich gemeinsam entwickeln und den eigenen Weg finden. Der ist mit jedem Hund wieder anders und immer etwas Besonderes und genau das macht die Qualität einer Bindung am Ende aus .

Etwas was heutzutage schon Standard ist, wenn ein Hund Problemverhalten zeigt, ist die These, ja, oft gar die Unterstellung, der Hund ist nicht genug ausgelastet. Das ist durchaus eine häufige Ursache für Problemverhalten, oft ist es aber vielmehr die falsche Auslastung und genauso häufig erscheint aber mittlerweile das Gegenteil der Fall, es wird zuviel rumgekaspert, anstatt sich gezielt zu einer Zeit auf ein oder zwei Dinge zu konzentrieren und dann das Neue erstmal "sacken" zu lassen.

Viele Hunde sind heute schon so nervös gezüchtet oder sozialisiert, das sie erstmal wieder lernen müssen runter zu fahren, zu entspannen, zu genießen, die Ruhe wiederzufinden und hundetypisch gelassen zu sein.

Freiheiten erforden Grenzen

und damit Bedingungen und das ganze Leben besteht aus Bedingungen, lernt man das nicht ist man überfordert, kann damit nicht umgehen, ist überdreht.

Oft wird Sozialisation zu gut gemeint, im Sinne von oft auch nur Freiheiten gewährt, denn es muß ja alles kennengelernt werden, dabei werden Grenzen oft nicht mit einbezogen. Grenzen sind aber sehr wichtig um auch Frustrationstoleranz zu lernen, sich mal zurücknehmen zu können, gelassen zu bleiben, sich selbst unter Kontrolle behalten zu können (Impulskontrolle), denn daraus entsteht auch Selbstbewußtsein. Wie das Wort schon sagt, wer überall nur im Eiltempo durchrauscht hat keine Gelegenheit sich seiner selbst bewußt zu werden.

Ein Gedanke zum Schluss

... auch auf die Gefahr hin etwas zu theoretisch, zu philosophisch, pauschal oder gar polemisch zu wirken - machmal ist es einfacher als man denkt und manchmal zerdenken wir zuviel ...

Eigentlich ist es gar nicht so schwer sich mal in den Hund hineinzuversetzen, denn gerade das ist unsere speziell ausgeprägte Fähigkeit als Menschen - Blickwinkel verändern zu können:
"Hunde sind auch nur Menschen!", diese These ließe sich folglich umkehren in: "Menschen sind auch nur Hunde!" - unangenehm? - Nein, es liegt in der Natur der Sache, wie es so schön heißt.

Ja, Hunde denken anders, haben artspezifische Dispositionen und anders ausgeprägte Fähigkeiten, dennoch haben sie individuelle Prioritäten und Charaktere, aber auch Vorlieben, Interessen und letztlich haben sie Gefühle wie alle Säugetiere, wie wir alle.
Unterscheiden wir Menschen uns voneinander nicht schon genau hierdurch? Macht dies nicht schlicht das Individuum aus?
Sind es nicht zuletzt gerade und meist auch leider die Forschungen an Tieren, ohne die wir heute nicht so viel mehr über uns selbst wüßten - wie könnte dies funktionieren, wenn wir nicht doch eine Menge Gemeinsamkeiten hätten?

Also doch vermenschlichen? - Nein, vielmehr Verständnis für die Bedürfnisse und Besonderheiten eines Individuums.
Vermenschlichung haben wir dort wo ein menschliches Individuum, bewußt oder unbewußt, diese Unterschiede nicht respektiert und zu oft die eigenen Interessen projeziert - und das ist das schwierige am Wechsel des Blickwinkels, denn es ist menschlich - und sogar bis zu einem gewissen Grad in Ordnung, solange das andere Indiviuum daraus keinen Mangel an Entfaltung erfährt.
Dennoch sind wir zu diesem Wechsel ja fähig, haben wir die Fähigkeit zu tieferem Bewußtsein, nutzen wir dieses doch und geben anderen die Hand, lernen den Reichtum schätzen, der sich uns aus dieser artspezifischen Fähigkeit erschließt.

Entdecken wir doch einfach mit unserem Hund gemeinsam die Welt, sind offen für Neues und erweitern unseren Erfahrungsschatz, unseren Horizont, denn das können beide Spezies und macht beiden Spaß und jeder gewinnt daraus für sich, auf seine Weise, nach seinem Wesen - gibt es etwas Spannenderes?


Hier liegt mein Anliegen im Hundetraining, Verständnis für das Wesen Hund zu entwickeln, warum tut er, was er tut, wie kommunziert er, was bedeutet seine Körpersprache, Vertrauen aufbauen und damit eine Bindung,  Gemeinsamkeiten entdecken und damit die Basis gemeinsam effektiv zu lernen, um fit für den Alltag mit Hund zu sein. Es geht letztlich nicht darum perfekt zu sein, sondern sich miteinander wohl zu fühlen.

... fördern statt fordern ...
... kommunizieren vor konditionieren ...
... Bindung und Führung ...
... deinem Hund auf der Spur ...


© Petra Michael 2011

 

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