Hundeverhalten - praktisches Beispiel

Ein praktisches Beispiel für falsch verstandenes Hundeverhalten

rueckruf

Beim folgenden Szenario sind die angeführten Erklärungen nicht DIE EINE einzige mögliche Ursache eines solchen Verhaltens, dies ist immer jeweils vom Gesamtbild aller Umstände abhängig. Aber dieses Fallbeispiel soll zeigen, dass die Ursachen eines "Problems" oft ganz woanders liegen können als zunächst vermutet oder allgemein vielfach verbreitet und dass durch einen falschen Blickwinkel und fehlendes Verständnis für das Hundeverhalten die Probleme noch größer werden können.

Alano kommt nicht, wenn man ihn ruft - oder wie sieht ein Hund!

Alano, ein 6 Monate alter, etwas zurückhaltender Rüde hörte seinem Alter entsprechend bisher eigentlich gut. Sonja, sein Frauchen, war sehr motiviert und hatte auch immer fleißig mit ihm den Rückruf geübt und dieser klappte wirklich lobenswert.

Sonja schilderte ihr aktuelles Problem zunächst so, dass Alano in letzter Zeit jedoch einen immer größer werdenden Dickkopf zu entwickeln schien und er sie möglicherweise wohl auf die Probe stellen wolle. Zunächst wäre er immer weniger zielstrebig zu ihr gekommen und begann auf den letzten Metern offensichtlich provokativ herumzutrödeln. Das Verhalten verschlechterte sich jedoch trotz verstärktem Üben weiter und Alano begann immer öfter, bereits auf halbem Wege zurück, abzubrechen um erstmal seiner Dinge nachzugehen und weiter am Wegesrand zu schnüffeln - bis der Rückruf schließlich eher schlecht bis gar nicht mehr funktionierte.

Vorgeschichte

Es versprach ein stressiger Tag zu werden und Sonja hatte früh am Morgen schon einen wichtigen Termin. Schnell wollte sie mit Alano noch eine Morgenrunde drehen. Alano hatte sich unterwegs etwas festgeschnuppert und war auf seine Eindrücke fokusiert. Sonja wurde langsam unruhig, denn die Zeit rannte schneller als gedacht. Normalerweise kam Alano meist recht zügig zu Sonja wenn sie ihn rief - nur heute wollte er so gar nicht hören. Letztlich ging sie auf ihn zu um ihn zu holen und nun kam Alano bereits auch angelaufen. Sonja reagierte etwas gereizt und leinte Alano forsch an während sie zu ihm gerichtet laut vor sich hinschimpfte, wie bescheiden doch dieser Tag begann und warum ausgerechnet heute morgen schon alles schief gehen mußte. Eigentlich war Sonja sonst eine recht ruhige Person und die Situation durchaus verständlich.

Am Abend darauf traf Sonja einen anderen Hundehalter mit dem sich ein Gespräch entwickelte und mit dem sie über die Situation am Morgen sprach, dieser riet ihr nun, sie müsse weiterhin gleich richtig durchgreifen, ihr Hund käme nun bald in die Pubertät, dann werden Hunde oft störrisch und vergessen schnell alles was sie gelernt haben, wenn man nicht konsequent bleibt. Man dürfe so etwas nicht durchgehen lassen und sie müsse ihm direkt klar machen, das sie das nicht dulde.

Eigentlich wollte Sonja einen freundlichen Umgang mit ihrem Hund pflegen, schließlich wollte sie einen Freund an ihrer Seite, aber nachdem Alano dieses trödelige Verhalten nun beibehielt, dachte Sonja immer mehr über diesen Ratschlag nach und begann nun Alano, wenn er trödelte ärgerlich abzumahnen während sie ihn an die kurze Leine nahm und ihn zwang bei Fuß zu laufen. Statt einer Besserung war Alano jedoch zunehmend immer weniger bereit mit Sonja zusammenzuarbeiten und sein Gehorsam wurde insgesamt schlechter, auch zu Hause suchte er immer weniger ihre Nähe. Sonja war ratlos.

Hintergrund

Hier kamen nun einige Punkte zusammen, die sich zu einem typischen Teufelskreis auswuchsen:
Eine Fehlinterpretation von Alano´s ursprünglichem Verhalten, eine gestresste Grundstimmung, ein pauschaler unkonkreter Ratschlag und daraus resultierend die falsche Reaktion auf Alano´s Verhalten.
Dabei hätte das alles einen anderen Verlauf nehmen können, wenn schon die Fehlinterpretation am Anfang nicht gewesen wäre, zu der es aus Mangel an Hintergrundwissen kam.

Der Grund warum in unserem Beispiel Alano an diesem Morgen nicht direkt auf den Rückruf reagierte, war nicht wie vermutet darin zu suchen, das er einen Dickkopf entwickelte und seine Grenzen auszutesten begann - sondern schlicht in einer anatomischen Gegebenheit:

Hunde sehen anders als Menschen!

Während wir Menschen Details und Farben sehr gut differenzieren können, also auf Scharfsehen und Farbvariationen spezialissiert sind, sehen Hunde dagegegen nur sehr unscharf und in einem weniger großen Farbspektrum, ihre Stärken liegen dagegen im Erkennen von Kontrasten (sie unterscheiden Graustufen deutlicher) und Bewegung, vor allem bei weniger Licht sind sie uns weit überlegen.

Wir Menschen sind Trichromaten und haben Rezeptoren für 3 Farben - Rot - Blau - Gelb, aus deren Mischungen sich unsere Farbvielfalt ergibt. Darüber hinaus haben unsere Augen eine andere Brennweite und können somit auch einzelne kleine ähnlich farbige Gegenstände auf einem ebenso bunten Hintergrund, z.B. einer Decke, relativ leicht ausmachen und differenzieren.
Ein Hund kann dies nicht, für ihn bleiben diese Gegenstände Teil einer unruhigen Farbfläche in einem dichromatischen Farbspektrum (Blau - Gelb), so wie für die meisten Säugetiere.
Während wir Menschen schlechte Chancen hätten bei wenig Licht, auf Distanz, einen sich bewegendes Etwas vom fast ebenso grauen Hintergrund zu unterscheiden, liegen hier genau die spezialisierten Fähigkeiten des Hundes, denn er ist ein Jäger, für den es entscheidend für das Überleben ist, genau das zu können. Die Differenzierung eines einzelnen Gegenstandes auf einer farbigen Fläche braucht er dagegen eher weniger.

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so sieht der Mensch so in etwa sieht der Hund

*Man kann sich glaube ich gut vorstellen, das sich Bewegung aus dieser unscharfen Masse gut abhebt. Wer den Film "Predator" kennt, weiß woran ich denke, wenn sich der Umgebung angepaßte Objekte (im Film der Predator oder auch ein Chamäleon) aus dem Hintergrund löst.
Die Perspektive, sowie der Blickwinkel und die Lichtempfindlichkeit wurden bei diesen Vergleichsbildern nicht berücksichtigt. Weitere Bilder -> unten auf dieser Seite
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Erklärung

Nun zum Geschehen - Alano war in sein Schnuppern so vertieft, das er nicht genau mitbekommen hatte in welche Richtung Sonja ging - zusätzlich ungünstige Umstände kamen hinzu, Sonja hatte sich in Windrichtung entfernt, sodaß ihr Rufen sowie ihr Geruch von Alano weggetragen wurden und ihm als junger Hund einfach noch die Erfahrung fehlte damit umzugehen. Schließlich stand sie selbst recht bewegungslos vor einigen Bäumen, die keinen großen Kontrast zu ihrer Gestalt boten:

Alano hatte sein Frauchen schlicht nicht gesehen - er schaute zwar auf und u.a. auch in ihre Richtung, wurde dann unsicher in der Situation und begann weiter zu schnuppern auf der Suche nach einer Lösung.
Als Sonja sich dann aus dem Hintergrund löste, indem sie sich auf ihn zu bewegte, reagierte Alano auch sofort und rannte freudig und erleichtert auf Sonja zu.

Zu allem Unglück wurde Alano dann auch noch, für sein freudiges Herankommen und seine Erleichterung Sonja wieder zu haben, bestraft, indem er forsch angeleint wurde und aus seiner Sicht auch noch eingeschüchtert durch Sonja´s ärgerlichen Worterguss, den sie mit Blick auf ihn von sich gab. Alano konnte nicht wissen, das dieser Ärger weniger ihm als der gesamten Situation galt.

Als Konsequenz aus, für Alano, Sonja´s unberechenbarem Verhalten kam er beim nächsten Rückruf zwar zunächst noch zügig zu ihr, hielt aber auf kurzem Abstand vor ihr inne, in Erinnerung an die letzte Situation, nicht einschätzen könnend ob Sonja nun wieder so reagieren würde, fing er nun an am Wegesrand zu schnuppern und dies keinesfalls aus Trotz, sondern schlicht um zu beschwichtigen und die Situation zu entspannen. Hunde deeskalieren mit diesem Verhalten sehr oft und demonstrieren damit, das sie friedlich gestimmt sind, keine böse Absicht haben und wenden Blick und Körper ab - unter Hunden ist das höflich und keineswegs dreist.

Der Hund verbindet mit dieser aversiven Reaktion auf sein Verhalten, so wie das hier von Sonja gezeigte (kurze Leine, Schimpfen, gezwungendes Fußlaufen) keinesfalls mehr die zeitliche Verzögerung seiner "Trödelei", sondern die aktuelle Situation, in der er sich während der Sanktion befindet - in diesem Fall das "bei Sonja sein"! Es wird also eigentlich genau das Verhalten, welches eigentlich das wünschenswerte Verhalten ist, negativ sanktioniert.
Jeder wird in der Regel immer das tun, was ihm einen "Erfolg" bringt - so wird ihn eine Belohnung motivieren, das damit unterstützte Verhalten zu wiederholen und im Umkehrschluss wird er alles vermeiden was ihm unangenehm ist und versuchen sich diesem zu entziehen - wie in diesem Fall deutlich nachvollziehbar - wir Menschen ticken da nicht anders.
Hunde lernen, wie wir alle vorwiegennd aus Erfahrung. Wie das mit der Lerntheorie und der Lernmotivation genau funktioniert werde ich demnächst in einem weiteren Artikel erklären.

Nun führte aber genau dieses Meideverhalten bei Sonja zu weiteren Unmut und durch den Ratschlag des anderen Hundehalter bestärkt, härter durchzugreifen, bestätigte sie Alano gegenüber nur weiter seine Unsicherheit und ihre Unberechenbarkeit, statt Schutz fand er nun Unanehmlichkeiten, die er künftig immer stärker zu vermeiden suchte. Diese Unsicherheit generalisierte sich schnell und Alano wurde auch in anderen Situationen "unzuverlässig" oder aus Hundesicht vorsichtig und auf Abstand das Unangnehme meidend. Er verknüpfte das Unangenehme mit Sonja und mied schließlich auch zu Hause den nahen Kontakt zu ihr.


Fazit

Ihnen klingt das zu konstruiert? Sicherlich kommen hier viele Faktoren zusammen, leider ist die Realität oft genauso und ebenso oft läßt sich leider im Nachhinein der Anfang des Dilemmas nicht mehr genau ausmachen. Erkennbar wird aber dennoch sein, das es ein verunsicherter Hund ist und das das Verhalten von Sonja hier nicht gerade weiteres Vertrauen aufbaut - daran wäre dann künftig zu arbeiten. Ebenso erkennbar wird aus diesem Beispiel sein, wie schnell Mißverständnisse, in Unkenntnis hündischem Verhaltens, den Anfang von Problemen darstellen können.

Möglicherweise hätte Sonja´s erste Reaktion bei einem anderen Hund nicht einen solch tiefen Eindruck hinterlassen, bei einem ohnehin etwas zurückhaltenden und eher unsicherem Hund, wie hier Alano, kann dies jedoch sehr entscheidend sein.

Ich beobachte es sehr oft, das Menschen wie eine Statue da stehen wenn sie ihren Hund rufen, der Mensch neigt nicht gerade dazu sich in solchen Situationen um auffällige Bewegungsmuster zu bemühen. Denken sie also künftig daran, wenn sie ihren Hund rufen und er vielleicht nicht kommt, das dies ein Grund sein könnte, machen sie sich sichtbar indem sie ihre Arme bewegen oder in die Hocke gehen.

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Auch uns fällt dies auf Entfernung schon
schwer.

 Wo ist Frauchen?


dichrom_lego_0 dichrom_lego_2
Eine unruhige Szene


wird für den Hund zu
undifferenzierter Farbmasse.
dichrom_siedlung_0 dichrom_siedlung_2
  Kontraste

dichrom_tini_0 dichrom_tini_2
Trichromatie - 3 farbiges Spektrum


Dichromatie - 2 farbiges Spektrum
ähnelt der Protanopie / Rot-Fehlsichtigkeit

dichrom_weg_0 dichrom_weg_2
  Umrisse werden unscharf
und verschwimmen.

 

Anmerkung
Ich bitte das ein oder andere Klischee zu entschuldigen. Natürlich ist auch nicht jeder Ratschlag eines anderen Hundehalters pauschal falsch - aber eh man etwas anwendet (wir interagieren mit Lebewesen) und sein Tier zum Experiment macht, sollte man jeden Ratschlag und jeden Weg hinterfragen (generell - auch in einer Hundeschule) und auf das eigene Gefühl damit achten. Fühlen sie sich mit etwas unwohl, macht ihnen etwas "Bauchschmerzen", dann verlassen sie sich erst einmal auf dieses, ihr Gefühl, denn sie können ihrem Hund so ohnehin nicht wirklich überzeugend etwas vermitteln von dem sie selbst nicht überzeugt sind, denn ihr Hund wird der Erste sein, der dies bemerkt. Fragen sie nach Zusammenhängen und erst wenn sich damit ein gutes und für sie nachvollziehbares Bild ergibt, sollten sie etwas versuchen.
Allerdings bedeutet ein skeptisches Gefühl auch nicht immer, das sich dieses bestätigen muß, nur nehmen sie es so nicht hin und stellen sie Fragen, manch eine Erklärung kann vieles ändern - allerdings gibt es auch Erklärungen, die nur schön und logisch klingen. Zugegeben, das ist nicht einfach zu sortieren, erst recht nicht für einen Anfänger - aber um so sorgfältiger sollten sie sein.



© Petra Michael 2012

 

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